Aus Kopien spielen - ja oder nein?

von Stephan Ziegner


Welcher Chorleiter kennt das nicht: Man hat ein Notenheft, aus dem vielleicht zwei von zwanzig Stücken für den Chor verwendbar wären. Deshalb die Hefte zu bestellen, um nicht mit Kopien arbeiten zu müssen, geht einfach über die finanziellen Möglichkeiten der Chorkasse hinaus und ist, mal ehrlich, rausgeworfenes Geld.
Die kostengünstigste Möglichkeit wäre, sich bei einem anderen Posaunenchor wenigstens für die Aufführung die benötigten Noten zu leihen. Das klappt aber nicht besonders oft. Also doch Kopien? Ja und nein. Kopien ja, aber keine illegalen. Auf illegales Kopieren stehen inzwischen empfindliche Strafen. „OK“, wird jetzt jemand sagen, „aber wann wird denn das schon mal kontrolliert?“ Zugegeben, das passiert nicht oft. Aber was ist, wenn doch? Dafür gerade steht der Chorleiter. Ich sehe diese ganze Sache aber auch noch aus einem anderen Blickwinkel: Kann ich es als Christ vor meinem Herrn verantworten, etwas gesetzlich Verbotenes zu tun? Und bin ich den Menschen um mich herum (sowohl meinen Mitchristen als auch den Nichtchristen) damit ein gutes Vorbild? Beide Fragen kann ich für mich nur mit „Nein“ beantworten. Es gibt in den meisten Fällen die Möglichkeit, an offizielle Kopien zu kommen, und das mit vertretbarem finanziellem Aufwand.

Ehe ich zu diesem Thema komme, noch ein kurzer Ausflug in das Urheberrecht:

Was uns bei unserer Arbeit in der Gemeinde vom Urheberrecht vorrangig betrifft, ist das Aufführungsrecht und das Vervielfältigungsrecht.

Das Aufführungsrecht, also die Erlaubnis, ein Werk aufzuführen, haben wir in unserem Gemeinschaftsverband dadurch, dass wir eine Gruppierung innerhalb der evangelischen Kirche sind. Diese bezahlt an die GEMA eine Pauschale dafür. Das Aufführungsrecht gilt für:
- Aufführen von Musikwerken bei Gottesdiensten und kirchlichen Feiern,
- Kirchenkonzerte und Veranstaltungen,
- Auftritte in Krankenhäusern, Altersheimen, Gefängnissen, Jugendheimen und Schulveranstaltungen,
aber nur, wenn kein Eintritt verlangt wird (Kollekte gilt als Spende, ist also kein Eintritt).

Das Vervielfältigungsrecht, also das Recht, eine Kopie von einem gedruckten oder z.B. auf einem Tonträger abgespeicherten Werk herzustellen, ist teilweise unterschiedlich geregelt. Deshalb gehe ich hier nur auf das Vervielfältigungsrecht ein, das Kopien von gedruckten Werken angeht, die dann von einem Posaunen- oder einem anderen Chor aufgeführt werden sollen.
Unterschieden werden muss hier zwischen Kopien, die man anfertigt, um ein Musikstück einzuüben (Probekopien) und Kopien, die zur Aufführung des Stücks verwendet werden. Probekopien sind erlaubt; bei der Aufführung muss aber ein Original-Notenheft oder eine genehmigte Kopie auf dem Notenständer liegen. Original-Noten braucht man also nur zur Aufführung (siehe mein Hinweis oben, für die Aufführung die Noten auszuleihen).

Wichtigste Information, um an genehmigte Kopien zu kommen, ist herauszubekommen, wer der Urheber des Werkes ist, also derjenige, der das Recht hat, Kopien zu erlauben. Wer dieses hat, steht im Allgemeinen unter dem Stück, oft mit dem Copyright-Zeichen. Und hier müssen die Kopien beantragt bzw. gekauft werden. Im Zweifelsfall muss bei dem Herausgeber des Notenhefts gefragt werden, meistens ist das ein Verlag. Theoretisch ist es so, dass ab 70 Jahre nach dem Tod des Urhebers das Werk frei ist. Praktisch haben sich aber oft Firmen oder Personen das Recht gesichert.

Nach meinem Wissensstand gibt es zwei Möglichkeiten, genehmigte Kopien zu bekommen:
1. Der Urheber (z.B. ein Verlag) und der Herausgeber (das kann auch dieser Verlag sein, kann aber auch ein anderer Verlag oder eine Organisation sein) erteilt eine Genehmigung, dass eine bestimmte Anzahl Kopien angefertigt werden darf. Der Benutzer schreibt dann einen vom Verlag angegebenen Vermerk auf die Kopien, über den kontrolliert werden kann, dass eine Genehmigung vorliegt.
2. Der Urheber bzw. der Herausgeber druckt die beantragte Anzahl von Kopien auf eigenes Papier, auf dem dann die Anmerkung steht, eine genehmigte Kopie zu sein (Verlagskopien).

Beispiel 1 für 1.: Ich möchte gern Kopien von „Mein kleiner grüner Kaktus“ aus dem Bläserheft „Querbeet“ machen, um mit diesen zu üben und damit bei kirchlichen Veranstaltungen aufzutreten. Ein Blick ans untere Ende der Seite verrät: Die Rechte an dem Stück hat der Wiener Boheme Verlag in München. Dieser Verlag ist aber nicht gleichzeitig der Herausgeber. Das ist die Sächsische Posaunenmission.
Also:
- Anfrage an den Wiener Boheme Verlag (kann formlos per E-Mail erfolgen). Hier muss angegeben werden: Welches Stück aus welcher Literatur, Herausgeber. Wer möchte die Kopien haben, wieviele, für welchen Verwendungszweck.
- Anfrage an die Sächsische Posaunenmission. Im Prinzip müssen die gleichen Angaben gemacht werden wie beim Verlag.In meinem Fall (November 2007, 7 Kopien für den Posaunenchor, Verwendung auf innerkirchlichen Veranstaltungen) wurde das Kopieren kostenlos erlaubt. Die entsprechende E-Mail habe ich ausgedruckt bei mir, und ich habe eine Anmerkung unter die Kopien geschrieben.
Beispiel 2 für 1.: Ich möchte gern Kopien aus einem Heft des Strube Verlag machen. Unter dem Stück steht, dass auch der Strube Verlag die Rechte hat. Anfrage dort: Eine Genehmigung zum Kopieren kostet pro Musikstück z.B. für 50 Kopien eine Pauschale. Die Kopien werden selbst angefertigt.
Beispiel für 2.: Ebenfalls Strube Verlag (hier gibt es beide Möglichkeiten): Die Preise pro Verlagskopie sind gestaffelt, je nachdem ob das Stück ein- zwei- drei- oder wievielseitig auch immer ist. Dazu kämen dann noch die Versandkosten für das Zuschicken der Kopien.
Je nach Anzahl der benötigten Kopien kann man sich also beim Strube Verlag entscheiden, was man macht. Für kleinere Stückzahlen bestellt man die Kopien, für größere Stückzahlen die Kopiergenehmigung. Das kann bei anderen Verlagen abweichend geregelt sein und muss dort erfragt werden.
Praktisch sieht die Sache finanziell z.B. beim Strube-Verlag so aus: Für meinen Chor brauche ich 7 Kopien. Wenn ich jetzt für zwei zweiseitige Stücke aus einem Heft Verlagskopien bestelle, bezahle ich meistens gerade mal den Preis von 2 Heften und habe nur die Noten, die mir etwas nützen. Brauche ich mehr Kopien, kaufe ich eine Kopiergenehmigung und bezahle nur einen Bruchteil von einem Heft pro Kopie. Ich finde, diese Rechnung geht auf, und ich habe ein gutes Gewissen, unter anderem auch, falls doch mal eine Kontrolle von der GEMA kommt...

Zugegebenermaßen kostet es einige Arbeit, an genehmigte Kopien heranzukommen, aber das ist es (mir) wert.
Es gibt übrigens auch viele freie Werke, die man sich einfach aus dem Internet laden kann.

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